Bereitet Schule auf das Leben vor?

Viele Schüler würden wahrscheinlich schnell und spontan mit „Nein!“ antworten. Und vielleicht antworteten einige Eltern ähnlich. Sicher, von Photosynthese,  Vektorrechnung oder der Destillation von Fettsäuren weiß ich heute nicht mehr viel. Aber ich habe in der Schule auch gelernt, zu lernen,  oder nicht so schnell aufzugeben, flexibel zu reagieren oder mich für andere einzusetzen. Und ich wusste am Ende meiner Schulzeit ungefähr, was ich werden wollte und was nicht.
Um diese Frage für sich beantworten zu können,  helfen unseren Schülern sicher auch das zweiwöchige Sozial- und das einwöchige Berufspraktikum, Studienberatung oder  Universitätsbesuche. Doch wenn man endlich weiß, was man will, dann hat man immer noch nicht die gewünschte Lehrstelle oder den Traumberuf. Davor steht eventuell noch ein langer Weg der Bewerbung.
Laut unserem  Schulcurriculum lernen die Schüler der neunten Klasse, welche Anforderung an eine Bewerbungsmappe gestellt wird, was in eine solche hinein gehört, wie sie aufgebaut ist.  Doch wäre diese Mappe dann auch wirklich wettbewerbstauglich?


Am Freitag (09.06.) hatten die Schüler der Klassen 9A und 9B die Möglichkeit, diese Bewerbungsmappen von  Experten aus der Praxis  bewertet zu bekommen. Als ihre Deutschlehrerin hatte ich Herrn Kreiser, Personalleiter eines mittelständischen Unternehmens in Waldshut-Tiengen mit weltweit ca. 1.700 Mitarbeitern und Herrn Burggraf, ehemaliger Manager  in verschiedenen US-amerikanischen Großunternehmen und jetziger Mathematik-und Physiklehrer am KGT eingeladen. Beide erzählten in einer ersten Runde von ihrem Studien-und Berufsweg und ihren Aufgaben als Personalmanger. Sie berichteten vom Ablauf von Bewerbungsverfahren und  von Bewerbungsgesprächen. Besonders  bemerkenswert für die Schüler war, dass ein Personalmanager bei 100 oder mehr Bewerbungen auf eine  Stelle im Rahmen der Vorauswahl für die erste Durchsicht einer Bewerbung nicht länger als zwei Minuten verwendet, bevor er die Bewerbungsunterlagen einem A,B oder C-Stapel zuordnet. In die engere Auswahl kommen, bzw. eine intensivere Begutachtung erfahren später nur die Unterlagen auf Stapel A.
In einer zweiten Runde durften die Schüler beiden Experten Fragen stellen. Natürlich wollten die Schüler überprüfen, ob das, was sie im Unterricht gehört und gelernt hatten, auch tatsächlich so in der Praxis gehandhabt wird.  Für mich besonders spannend war die Information, was beide Manager von E-Mail- und Onlinebewerbungen halten und welche weiteren Solperfallen hier lauern. Außerdem fragten die Schüler, was mit abgelehnten Bewerbungen passiert oder wie Gleichberechtigung zwischen männlichen und weiblichen Bewerbern in der Praxis gehandhabt wird.
Nach einer kleinen Pause kam wohl für alle Schüler der ernüchterndste Moment. In dieser hatten beide Gäste die Bewerbungsmappen, die die Schüler für ihr BOGY-Praktikum in der 10-Klasse anfertigen sollten,  unter die Lupe genommen. Von den 54 ihnen vorliegenden Mappen schafften es nur 10 auf den A-Stapel. Der Rest sammelte sich auf dem B-Stapel, der, so sagten beide nur dann nochmals genauer gesichtet würde, wenn bei  allen Bewerbern des A-Stapels doch nicht der oder die  geeignete Kandidat/in wäre. Einige der Schülermappen gelangten aber auch auf den C-Stapel, den Stapel mit Bewerbungen mit groben Schnitzern wie losen Blättern, fehlenden Unterschriften oder unvollständigen Unterlagen.
Dass dieses Ergebnis auch bei den Schülern nicht spurlos vorüberging, bemerkten die Gäste und ich an der plötzlich eingetretenen  Stille und den betretenen Gesichtern der Schüler. Irgendwie hatte sich der Ernst des Lebens kurz blicken lassen.
Helena Mempel

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