Besuch im Hesse-Museum

Gedanken einer Kursstüflerin zu einem Besuch im Hesse-Museum

16:23, Radolfzell, Bahnhofsunterführung. -3 Grad, eisiger Wind. Ein kleiner Pulk von jungen Leuten steht dicht aneinandergedrängt, von oben aus dem Bahnhofskiosk dringt euphorisches Gegröle. Vielsagende Blicke unter den Schülern. Ja, ein oder zwei oder fünf Glühweine wären jetzt auch nicht schlecht. Ein Blick zur Lehrerin, auch sie könnte wohl etwas vertragen. Dabei hatte alles so schön angefangen…
Zurückgespult zum Morgen, 9:10, Bahnhof Tiengen. Immerhin 4 Grad. Gute Stimmung bei der Kursstufe 2.4, wir sind auf dem Weg nach Gaienhofen, einem stillen Örtchen am Bodensee, in welchem Hermann Hesse einige Zeit lebte.
1993 wurde sein 1. Wohnhaus dort zum Hesse Museum umfunktioniert, das wir heute anlässlich der als Abithema vorgegebenen Lektüre „Der Steppenwolf“  von Hesse besuchen. Nun möchte man Hesse nicht vorwerfen, er habe anno 1920 an seinem Schreibtisch gesessen, sich gefragt wie er denn am besten die Oberstufenschüler des nächsten Jahrhunderts quälen könnte und habe daraufhin den Steppenwolf geschrieben. Wagt man es, einige betroffene Schüler zu fragen, trug sich das ihrer Meinung jedoch genau so zu.

 Dabei bemüht sich jeder Deutschlehrer so sehr, seine (nicht mehr ganz so kleinen) Schäfchen seelisch unversehrt durch Hesses Steppenwolfdschungel zu führen. Einigen Schüler rutscht allein beim Anblick der dichten Verzweigungen und dem undurchdringbar scheinenden Wortgeäst das durch Goethes „Faust“ doch schon abgehärtete Herz in die Hose, bald fallen die ersten zurück, schon jetzt schweißüberströmt und sich zitternd an ihr Interpretationsbuch klammernd während andere übermütig werden und, einem Phantomheulen des Steppenwolfs folgend, selbstbewusst in Sackgassen laufen. So geht manche Deutschstunde vorüber und man sehnt sich nach der Zeit, in der die schwerste Aufgabe beim Lesen einer Lektüre darin bestand, sein Lesetagebuch rechtzeitig abzugeben.
Die Fahrt zum Museum verläuft unspektakulär, bis die für die Organisation verantwortliche Schülerin ein paar Stationen davor schon alle Schüler aus dem Bus rausscheucht, dann bemerkt, dass sie wohl doch etwas vorschnell war und alle wieder zum Einsteigen bewegt, quittiert vom Augenrollen des Busfahrers à la „Touristen!“. Tatsächlich war die Aktion aber ein schlauer Schachzug, denn so waren wir bei der eigentlichen Station alle hellwach, konzentriert und bereit fürs Museum.
In dem ehemaligen Bauernhaus, in dem sich heute das Museum befindet, wohnte Hesse selbst nur 3 Jahre, von 1904 bis 1907, bezeichnete es allerdings als die „erste legitime Werkstätte“ seines Berufes.
Begrüßt werden wir von Frau Dr. Hübner, der Museumsleiterin, die uns über Hesses Leben, Themen und Denkprozesse informiert. Stichwort „Hesse brauchte seine Depriphasen“. Wir grinsen.
Später dürfen wir selbst Zitate aus dem Buch spielerisch darstellen. Beim Anblick der vielen Requisiten kann der Kursschüler natürlich nicht mehr an sich halten: Beim anschließenden Vorspielen werden fleißig Perücken geworfen, mit Messern gefuchtelt und mit Umhang und Gehstock, seine Mitschüler dabei abschätzig beäugend, auf und ab geschritten.
Ja, vieles wird leicht genommen, aber die Schüler können auch ernst, so beim Thema Melancholie in Hesses Leben in Verbindung mit dem Steppenwolf. Frau Dr. Hübner verbindet das Thema geschickt mit den zwei anderen, bereits gelesenen Lektüren und startet so eine angeregte Diskussion. Auch die Themen, die Hesse in seinen Texten anspricht, und die sich so gut auf die heutige Zeit übertragen lassen, verblüffen.
Man fühlt sich Hesse näher in diesem Haus. Später beim Rundgang durch die verschiedenen Stockwerke sehen wir Originalpapiere in seiner Schrift, seinen massiven Schreibtisch, der fast den ganzen Raum einzunehmen scheint. Den anklagenden, sarkastischen Brief an seinen Vater, den er mit 15 nach seiner Flucht aus der Psychiatrie, in die ihn sein Vater nach einem Suizidversuch einweisen ließ, schrieb und der manche Schüler zum Lachen und viele zum Nachdenken bringt. Zum Schluss die Tonaufnahme von Hesse, in der er sein Gedicht „Im Nebel“ vorliest, währenddessen absolute Stille herrscht. Seine Stimme dringt tief, scheint nah und gleichzeitig so fern zu sein, mit einer Schwere, die aufs Herz drückt.
Hesse zeigt sich den Schülern nackt, im wahrsten Sinne des Wortes: Er war Naturalist, ihm war das Wahre, Ungeschönte wichtig. Im Museum erfahren wir Hesse als Mensch, nicht nur als Name, der mal im Basissatz einer schriftlichen Erörterung vorkommt, nicht nur als Autor eines Buches, das zu lesen halt vorgeschrieben ist, nicht nur als 5 Buchstaben auf einem verschmierten Lernzettel mit den nötigsten Details fürs Abi. Hesse, der, scheinbar ohne es zu wollen, nahe geht mit seinen Themen, so lang her und doch so aktuell, seinen Worten, die man 10 mal lesen kann und 12 verschiedene Deutungen finden kann. Oder keine. Mit seinem so selbst ironisierenden Humor, der nicht anerkannt wurde und uns zum Staunen bringt, seinen Frauen, so unterschiedlich wie er es im Umgang mit ihnen war, seinen Kindern, die er zu Freunden abschob, seinen Ausrissen, seiner Schlauheit, seiner Traurigkeit.
Und während wir frierend auf den verspäteten Zug warten, der nach 15 Minuten endlich kommt und durch die schon dunkle Landschaft fahren, weg vom Hessemuseum, so hat sich der Name Hesse, die 5 Buchstaben schon gewandelt, bei dem einen mehr, beim anderen weniger, wurde umgeformt, ergänzt, durchgestrichen und gefärbt, voll von neuen Eindrücken, die den Menschen Hermann Hesse ausmachen. Und dafür lohnt sich sogar der Sprint aus dem verspäteten Zug zum verfrühten Bus.                                                    
Kristin Pönitz

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